Adebars Reise
- Der Flug der Störche -
Rundel No. 2439



Thema:

Musikalisches Tagebuch einer weiten Reise

Störche gelten als Glücksbringer und ihr Name erscheint in Fabeln und Erzählungen als „Adebar“. Die Fantasie „Adebars Reise - Der Flug der Störche“ entstand nach Angaben des jungen deutschen Komponisten Markus Götz im „Sommer der Störche, 2003“. Das Werk schildert auf musikalische Weise den Flug der Störche in Richtung Süden: von der Versammlung auf dem heimatlichen Kirchturm bis ins ferne Afrika.

Aus der Werkstatt des Komponisten Markus Götz


Den Sommer 1993 haben wir wahrscheinlich noch alle als besonders heiss in Erinnerung. Die extreme Hitze bescherte dem kleinen badischen Markgrafenstädtchen Schopfheim nahe der Schweizer Grenze besondere Gäste: Störche. Schon immer hatten sich im Spätsommer einzelne Exemplare der Spezies in meine Heimatstadt verirrt, doch in jenem Sommer, handelte es sich um eine wahre Invasion. Hunderte von Störchen benutzten die malerische Altstadt als Treffpunkt zum durch die Hitze verspäteten Abflug gen Süden.

Diese Situation oder konkret ein bestimmtes Bild inspirierten mich zu meiner Komposition „Adebars Reise - Der Flug der Störche“. Das Bild, das ich nie vergessen werde, waren Dutzende von Störchen, die sich in der Abenddämmerung rund um die alte St Michaelskirche auf allen Dächern versammelten und natürlich vor allem den Kirchturm bevölkerten.

So beginnt auch mein Stück mit der Szene „Auf dem Kirchturm“. Über einer staccato zu spielenden Beggleitung im Holz erhebt sich zum ersten Mal die romantische Melodie des Storches im Tenorhorn (Notenbeispiel 1). Das Solo-Tenorhorn übernimmt in meiner Komposition die Funktion des musikalischen „Alter-egos“ für unseren Adebar. Wichtig war mir eine durchaus romanisch wirkende Stimmung zu erzeugen. Das Thema verdichtet sich und gewinnt durch eine aufsteigende Achtel-Bewegung ,die für mich als Motiv für den Aufbruch steht, an „Drive“.

Versammlung bei Sonnenuntergang

Diese Achtel-Bewegung spielt auch in dem zweiten Abschnitt „Die Reise beginnt“ die herausragende Rolle. Nach einem temperamentvollen Motiv im Blech (Noten-Beispiel 2), erscheint das „Aufbruch-Motiv“ nun im Holz in einer rhythmisch-gedehnten Version (Noten-Beispiel 3). Dieser Abschnitt soll energiegeladen daher kommen und die Freude auf die grosse Reise ausdrücken. Obwohl das Stück noch keine zwei Minuten alt ist, habe ich bis zu diesem Zeitpunkt das ganze musikalische Material eingeführt, das ich im Stück verwende. Mit dem Storchenthema (Bsp.1), dem „Aufbruch-Motiv“ (Bsp.3) und dem Blechbläsermotiv (Bsp.2) habe ich ein kompaktes musikalisches Material, das viel hergibt und dem ganzen Stück, das ja nicht viel über 5 Minuten dauert, Homogenität verleiht.

Die dritte Szene „Versammlung bei Sonnenuntergang“ stellt einen Zwischenstopp der Störche dar.  Hier nun wird die Musik ganz zur Verkörperung all der romantischen Ideen ,die man mit dem Storch schon von altersher verbindet. Die Märchen und Mythengestalt „Adebar“, einst als Glücksbringer und „Baby-Transporteur“ beschrieben - all dies spiegelt sich wieder in diesem Abschnitt, der musikalisch sehr getragen und romantisch daher kommen soll – ohne hoffentlich kitschig zu wirken. Zuerst ist das Tenorhorn wieder zu hören, das dann seine Melodie an die Klarinetten und Flöten weitergibt. Zwischen dem hohen Holz, den Tenorinstrumenten und den Hörnern und Flügelhörnern entsteht basierend auf dem Hauptthema ein dreifacher Kanon. Das Ganze steigert sich bis zu dem Höhepunkt des Stückes ab Takt 83. Das Storchen-Thema wird nun forte vom hohen Blech gespielt, während im Holz eine „flirrende“ Begleitung hinzukommt.

Der vierte Abschnitt „Der Ruf des Südens“ verarbeitet wiederum das Hauptthema. Nun sorgen die Bassinstrumente  und die Schlagzeug-Abteilung für ein Rumba-Feeling , über das sich in immer neuen Kombinationen, das Thema spannt. In diesem Abschnitt muss die sich stiegernde Dynamik gut heraus gearbeitet werden. Die Störche sind ihrem Ziel Nord-Afrika ein gutes Stück nähergekommen. Das Blechbläser-Thema (Bsp. 2) erklingt erneut und leitet zum Abschnitt „Willkommen in Afrika“ über. Hier nun sind Schlagzeug und die Pauken extrem wichtig, um dem majestätischen „Afrika-Thema“ (Bsp.4) die richtige Färbung zu verleihen. Auch wenn hier kurz vor Ende des Stückes nochmal ein scheinbar neues Thema eingeführt wird,  ist die Melodik des „Storchen-Themas“ auch hier nicht weit. Die Reise endet mit einem nostalgischen „Blick zurück“. Wieder ist es das Tenorhorn, das noch einmal das „Aufbruch-Motiv“ in Erinnerung bringt. Ungewöhnlich mag vielleicht der Schluss des Werkes sein: Triangel und Glockenspiel spielen ganz allein, bevor das Tenorhorn den Beginn des Storchenthemas spielt. Triangel und Glockenspiel kann man hier als Verteter der romantischen , märchenhaften „Adebar“-Welt sehen, an die sich der Stoch in Afrika erinnert.

Musikalisch hoher Anspruch, aber technisch für Mittelstufenorchester geeignet

Wie die Einteilung in Szenen nahelegt, ist „Adebars Reise“ sehr Film-musikalisch gedacht. Das romantische Sujet wird musikalisch in einer entsprechenden Weise umgesetzt. Ich wollte bewusst ein Stück schreiben, das vom musikalischen Anspruch durchhaus hoch ist, vom technischen Schwierigkeitsgrad her aber von jedem Mittelstufen-Orchester gut zu meistern ist. Deshalb sind in der Ausgabe einige Stichnoten enthalten. Bewusst habe ich auch das Tenorhorn (bzw. Euphonium) als Soloinstrument gewählt. Ich finde es kommt gerade in der neueren amerikanischen Mittelstufen-Literatur etwas zu kurz. Auch wenn es kein „Solo-Stück“ im traditionellen Sinne ist, hängt doch viel von der Gestaltungsfähigkeit“ des Tenorhorn-Solisten ab. Eine dankbare und zugleich anspruchsvolle Aufgabe!

.„Adebars Reise“ ist wie das ein Jahr ältere „African Inspirations“ speziell für die „Komponistenwerkstatt“ in Sachsen geschrieben worden, deren Anliegen es immer mehr ist, Stücke im Mittel- und Unterstufenbereich zu fördern. „Adebars Reise“ gewann bei der Komponistenwerkstatt“ zwei Preise: den Publikumspreis und den 1. Preis im Bereich Unterstufe“. Die Einteilung in die Klasse „Unterstufe“ mag etwas verwirren und stammt von der Jury, nicht vom Komponisten. Ich glaube, daß „Adbars Reise“ in der Mittelstufe am Besten aufgehoben ist, wobei sich auch durchaus gute Jugendorchester an das Stück wagen sollen.

Markus Götz


Quelle: Musik zum Lesen, Ausgabe 05/05




weitere Kompositionen:
African Inspiration
Montanas del Fuego